Donnerstag, 28. November 2019

Architektur, Stadtplanung und Wohnbau muss auf individuelle Bedürfnisse eingehen



Egal bei welchem Thema, ob Bildung oder Integration. Experten und Politik machen oft einen Fehler: Sie versuchen alle Menschen über einen Kamm zu scheren.

So ist es auch im Baurecht und bei Architekten. Gerade Stadtplaner versuchen immer wieder, eine Stadt aus einem Guss zu fertigen. Und wenn das nicht mehr möglich ist, wenigstens bestimmte Viertel.

Ergebnis ist meist eine unmenschliche, künstliche und eintönige Umgebung. Manchmal muss man sich an der Natur ein Vorbild nehmen: Diese schafft meist größtmögliches Chaos. Keine klaren Linien, keine klare Trennung zwischen den verschiedenen Pflanzen und schon gar keine farbliche oder förmliche Trennung. Alles wächst zusammen.

Natürlich muss der Stadtplaner ein gewisses Raster vorgeben: Gewisse Hauptverkehrswege sind wichtig. Schon im alten Rom gab es große Hauptstraßen und Plätze. Auch dass die meisten Städte die Schwerindustrie in eigene Viertel am Rande der Stadt verbannen, ist unbestritten richtig.

Doch wozu benötigt man ein Stadtbild mit klaren Linien? Warum benötigt man ein einheitliches Ensemble? Oder einen einheitlichen Stil? Natürlich, in gewissen Tourismusregionen oder besonders schützenswerten historischen Orten ist ein solcher Schutz wichtig. In Hallstatt ist das durchaus argumentierbar, wenn auch zum Leidwesen der Bewohner.

Aber wozu in Wels? Einer Stadt, deren Baugeschichte bis auf den Stadtplatz mehr oder weniger ausgelöscht wurde. Eine Stadt, die vor rund hundert Jahren noch rund 8.000 Einwohner zählte und bäuerlich ausgerichtet war und auf einmal viel zu groß für ihre Wurzeln wurde. Zuerst durch das Militär und erst richtig durch die Flüchtlingsbewegungen nach dem 2. Weltkrieg wuchs das kleine Städtchen fast zu einer Großstadt heran. Doch die Volksdeutschen waren keine Bildungsbürger, es waren meist Arbeiter und Handwerker, was uns zur Wirtschaftsstadt ohne Identität gemacht hat. Einzig eine blühende Innenstadt, in der die Bewohner des Umlandes ihren Einkauf erledigten, und das Volksfest als Besuchermagnet ließ die fehlende Identität nicht spüren. Erst nach dem Abstieg der Innenstadt und der vergebenen Chance, die Messe in den 80ern an den Stadtrand zu verlegen und somit zum größten und erfolgreichsten Messeunternehmen Österreichs zu machen – schwimmt die Stadt endgültig in ihrem geistig-kulturellen Nichts. Doch der große Nachteil könnte auch eine Chance sein. Wels ist in seiner wandelnden Geschichte durch ständige Erneuerung und kulturelle Vielfalt geprägt. Die Stadt muss baulich nicht auf ihre Historie achten, weil sie keine mehr hat.

Linz hatte ein etwas anderes, aber doch ähnliches Problem: Linz war eine verstaubte Industriestadt, eine Stadt, aus der man schnell wieder herauswollte, angeekelt von den unschönen Zweckbauten der Nachkriegszeit, deren kahle unfreundliche Fassaden angeschwärzt waren.

Doch man erhob sich aus der Asche und nützte sie gleichzeitig. Man schämte sich nicht mehr für die Industrie, sondern sah sie als Motor für Gesellschaft, Kunst und Kultur. Und natürlich auch für Architektur. Linz zeigt seinen wirtschaftlichen Erfolg stolz durch Hochhäuser und moderne Architektur, die auffällt. Das leuchtende Lentos ist ein Beispiel dafür. Mit Licht arbeiteten die Linzer schon früh. Licht ist Leben, und Leben ist städtisch.

Gerade Wels hätte auch die klare Vorgabe, moderne Brüche immer wieder zu vollziehen. Doch die städtischen Beamten und die Politik, die auf sie horcht, wollen die Stadt künstlich kleinhalten und in ein Raster stecken. Nur weil sie das auf einer Universität gelehrt bekommen haben.

Das, was heute Architekten an den Universitäten lernen, ist das Erbe von Rebellen. Architektur-Rebellen, die Anfang des 20. Jahrhunderts die damaligen Lehren der Universitäten zu Grabe tragen wollten. Sie wollten nicht die Arbeiten und Stile ihrer Vorgänger wiederholen, sondern Neues schaffen. Neue Sachlichkeit, Bauhaus-Stil und viele neue revolutionäre Architekturrichtungen entstanden. Doch die Revolution frisst ihre Kinder. Heute verharrt der Architekten-Klüngel in den alten Ideen ihrer Vorgänger. Sie sind keine Revolutionäre mehr.

Auch die ständig alte Ausrede, Wels müsse sich anderen Städten und der aktuellen Baukultur anpassen, ist nicht annehmbar. Die Herren Architekten sollten sich einmal in ein Marketing-Seminar setzen. Als erstes lernt man dort, dass sich eine Marke von anderen absetzen muss und Unterscheidbarkeit ist höchstes Ziel.

Wels ist baulich zerrissen. Gerade deswegen hätte es die Chance, neue Ideen auszutesten. Es hat kein Ensemble zu schützen, weil es keines hat bzw. eines hat, welches niemanden interessiert.

Es ist nichts verkehrt daran, mehrere Stile nebeneinander zu bauen. Es ist auch nichts verkehrt daran, nebeneinander verschieden hohe Gebäude zu bauen, mit unterschiedlichsten Fassaden.
Denn erst das macht eine Stadt zur Stadt: ihre Vielfalt und ihre Individualität.

Genauso verhält es sich im Wohnbau. Der Gesetzgeber versucht, sämtliche Wohnungen in bester Qualität entstehen zu lassen und selbst Altbauten an die neueste Technik anzupassen. Grundsätzlich ist es ja nett, wenn man eine fast schallsichere Wohnung hat, mit einem Entlüftungssystem und Liften, in dem 10 Personen auf einmal Platz haben. Eingebettet in Styroporfassaden, um guten Gewissens zu meinen, man helfe der Umwelt. Obwohl die Heizkosten doch nicht so fallen wie erwartet.

Doch bei all diesen paradiesischen Umständen finden finanzielle schwächere Menschen genau deswegen keine leistbaren Wohnungen mehr. Und selbst die Mittelschicht jammert über ständig steigende Wohnungsmieten.

Als 20-jähriger freut man sich, eine günstige Wohnung im 4. Stock ohne Lift gefunden zu haben. Auch wenn man die Schritte der Nachbarn hört, weil der Altbau nicht stinkteure Schallschutzwände hat. Als Jungfamilie freut man sich, eine großflächige Wohnung gefunden zu haben. Diese muss auch nicht altersgerecht sein. Denn wenn die Kinder aus dem Haus sind, wird man sich vielleicht eine kleinere, aber dafür altersgerechte und barrierefreie Wohnung suchen.

Wichtig wäre, ein unterschiedliches Angebot zu schaffen. Billige Wohnungen ohne viel Luxus und teure Wohnungen mit viel Komfort. Alle werden ihre zufriedenen Mieter finden.

Doch der Gesetzgeber gönnt anscheinend den Menschen kein günstiges Wohnen mehr. Und die Architekten gönnen den Menschen wohl auch keine schönen Fassaden mehr.

Individualität scheint in heutigen Zeiten kein hohes Gut mehr zu sein.

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